Sonntag, 11. Dezember 2005

Marktchancen für eine neue Generation

Alle Jahre wieder erfolgt die Transition von einer Konsolengeneration zur nächsten. Normalerweise erfolgt dieser Übergang alle 5-6 Jahre, denn aus der Sicht der Konsolenhersteller sind die letzten Jahre einer Konsole die profitabelsten. Diesmal jedoch prescht Microsoft mit einer „nothing left to lose“-Attitude vor und bringt die Xbox 360 nur 4 Jahre nach dem Launch des Vorgängers in die Läden. Aus Microsofts Sicht verständlich, war die Xbox für die Redmonder ein großer Flop. Keines der anvisierten Ziele wurde auch nur annähernd erreicht. Weder wurde Microsoft Marktführer, noch konnte sich die Xbox, trotz Xbox-live, als das Multimedia-Hub im Wohnzimmer etablieren, als das es ursprünglich geplant war. Und auch wenn rund 20 Millionen verkaufte Einheiten recht beachtlich klingen, ist es doch ein Bruchteil der Verkaufszahlen von Sony. Die Hauptschuld dafür lag, zumindest in den Augen von Microsoft, im späten Erscheinen der Xbox. rund ein Jahr nach der PS2. Deshalb will MS diesmal alles richtig machen. Frühzeitiges Erscheinen, gepaart mit technischer Superiorität gegenüber der laufenden Konsolengeneration und ungeheurer PR-Aufwand sollen den Erfolg garantieren. Microsofts Offizielle tönen bereits innerhalb des nächsten halben Jahres 4-5 Millionen Konsolen durch zu verkaufen. Doch leider klingt dies alles wie eine Neuauflage der Strategie, die Sega einst mit bekanntem Ausgang für den Dreamcast geplant hatte. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die First-Comer selten die Sieger waren. Man schaue nur auf NEC’s PC-Engine, Ataris Jaguar oder Segas Dreamcast. Last but not least ist die Entscheidung die Xbox 360 in 2 SKUs anzubieten risikoreich, ist doch die Festplatte Kernelement für die erfolgreiche Umsetzung von MS Online- und Multimediastrategie für die 360. Kunden ohne Festplatte werden wohl kaum für kostenpflichtige Downloads zu begeistern sein. Dennoch ist Microsoft nicht zu unterschätzen, nicht zuletzt dank der Querfinanzierung der Konsole durch die PC-Sparte.
Für Sony kommt Microsofts vorpreschen sehr ungelegen, ist der doch der Konzern wesentlich abhängiger von den Einnahmen aus der Konsolensparte als Microsoft. Die PS2 hat gerade ihren Höhepunkt erreicht. Die Produktionskosten der Hardware sind niedrig, die Developer beherrschen die Technik, d.h. die Spielgrafik wird immer besser und die Entwicklung immer preiswerter, außerdem wurden erstmals mit Eyetoy und SingStar völlig neue Zielgruppen erreicht, die es nun abzuschöpfen gilt. Hier würde Sony gern noch 1-2 Jahre weitermachen, zumal die Entwicklung der PS3 noch längst nicht abgeschlossen ist. Nun ist Sony in den Spagat zwischen dem Erhalt des PS2-Marktes und dem frühstmöglichen PS3-Launch gezwungen. Doch auch Sony hat ein paar Asse im Ärmel. Mit Blue Ray HD-DVD könnte Sony das gleiche Kunststück wie bei der PS2 gelingen. Auch die PS2 verkaufte sich das erste Jahr überwiegend dank ihrer Fähigkeit DVDs abzuspielen. Gelingt es Sony sein HD-DVD-Format zu etablieren, wäre dies ein nicht zu unterschätzender Vorteil für die PS3. Dieser würde letztlich auch über den Erfolg der PS3 als Multimedia-Hub im Wohnzimmer mitentscheiden.

Nintendo dagegen zieht sich mehr und mehr aus dem Wettlauf des höher, schneller, weiter der Technologien zurück. Schon seit den Tagen des N64 sieht sich Nintendo vor allem als eines, als Spielzeugproduzent. Damit fährt die Firma seit Jahren überraschend gut. Auch wenn Nintendo mit dieser Strategie kaum eine Chance hat Marktführer zu werden, arbeitet die Firma durchgehend profitabel. Dies gelingt nicht zuletzt durch den großen Anteil qualitativ hochwertiger Eigenproduktionen. Als Konsequenz aus diesem Selbstverständnis will Nintendo beim „Revolution“ nicht mehr über Technik reden, sondern über das Spielen. Dass das funktionieren kann, zeigt sich beim Vergleich von Nintendo DS und PSP. Unbestreitbar ist der PSP das wesentlich coolere Lifestylegimmik, mit besserem Display, mehr Leistung und mehr Multimedia als der DS. Nichtsdestotrotz verkauft sich der DS hervorragend, bietet zudem innovative Spielideen, erobert dank Spielen wie „Nintendogs“ völlig neue Zielgruppen und ist nicht zuletzt für Nintendo profitabel. Der in Tokyo präsentierte neue Controller für den „Revolution“ zeigt das Nintendo diesen Weg auch für den Heimkonsolenmarkt einschlagen möchte.

Während sich also Sony und Microsoft in den nächsten Jahren darum streiten werden, wer die meisten von den rund 100 Millionen Konsolenspieler von seiner Konsole überzeugen kann, bereitet sich Nintendo bereits auf den wesentlich wichtigeren Kampf um die hunderte Millionen bisheriger Nichtspieler vor.
(Sascha Elias, veröffentlicht in GameFace 12/05)

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